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Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: Michael@Woodenboat (IP bekannt)
Datum: 19.09.17 21:01

Guten Abend,

Ich habe ein Folke Junior von 1933 und plane diesen Winter den Kiel (Kielbolzen, Totholz etc) zu erneuern.

Nun ist es ja nicht ganz einfach, gutes (Eichen-)Holz für das Totholz zu bekommen. Bei meiner Forschung habe ich immer wieder gelesen, dass kammergetrocknetes Holz "keine gute Idee" ist.

Kann mir jemand sagen, was genau passieren würde, wenn man kammergetrocknetes Holz verwendet? Würde das Holz nicht wieder Feuchtigkeit ziehen, wenn man es eine Weile geschützt im Freien liegen lassen würde?

Vielen Dank für die Hilfe
Michael

Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: André bauer (IP bekannt)
Datum: 20.09.17 17:32

Hallo Michael,

kammergetrocknetes Holz ist auf 8-12% getrocknet mit einem Verfahren das gleichmäßige Feuchtigkeit auch bei großen Stärken sicherstellt.
Das heißt aber auch, dass die Zellen schon so trocken sein können, dass das Holz nicht mehr normal quellen kann.
Trocknet Holz zu stark auf, verliert es seine Quelleigenschaften.
Kennt man von Booten die immer wieder zu lange oder zu trocken an Land standen, die Fugen quellen nicht mehr dicht.
Außerdem kann das Holz einen Teil seiner Festigkeit verloren haben, da die Zellwände labil sein können.
Je nachdem,wie lange das Holz nach dem Trocknen liegt und vor allem wie trocken.
Im Allgemeinen macht das nichts aus und man ignoriert das Alles.

Wenn das Totholz achterlich vom Ballast unter dem Schiff sitzt, kann man es als strukturell vom Schiff getrennt betrachten und es vor dem finalen Einbau in Glas/Epoxi einpacken.
Dann müssen aber auch Bohrlöcher für Bolzen und kleine Schrauben mind..2x mit Epoxi versiegelt sein.
Für Schrauben am Ruderbeschlag würde ich mit nem Forstnerbohrer vor dem Versiegeln ein Loch machen und mit Epoxi auffüllen.
Genauso Bolzenlöcher 2 mm größer bohren, das Loch mit einem gewachsten Rohr welches etwa 1 mm größer ist als der Bolzen füllen und dazwischen ausgießen.
Oder voll gießen und hinterher bohren.

Es muss auf jeden Fall sicher sein, das Wasser keine Chance mehr hat einzudringen.

Für ein Totholz klassischer Art solltest Du wirklich entweder frisches Holz oder luftgetrocknetes nehmen.

Gruß,
André

Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: Michael@Woodenboat (IP bekannt)
Datum: 21.09.17 08:47

Hallo André,

Ganz herzlichen Dank für die sehr klare Erläuterung!

Die "Vollversiegelung" habe ich verstanden, würde ich ggf. auch machen - ich würde allerdings bevorzugen es so zu machen, wie es ursprünglich gemacht war.

Noch eine Frage: luftgetrocknetes Holz wäre sicher am besten, was müsste ich bei frischem Holz beachten? Ich dachte, das müsste ich erst eine ganze Weile liegen lassen...

Nochmals danke!
Michael


Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: André bauer (IP bekannt)
Datum: 22.09.17 01:20

Hallo Michael,

frisches Holz lässt sich zwar schlecht bearbeiten, sonst muss aber nichts weiter beachtet werden.
Es sollte nicht mehr so klatschnass sein, damit auch Farbe drauf hält, generell verarbeitet man kein Holz mit mehr als 20 % Feuchtigkeit. Das würde konserviert schnell faul werden.
Die beste Eiche wird im Januar oder Februar geschlagen, Dann ist Ruhe im Baum und wo kaum Nährstoffe transportiert werden ist auch wenig Wasser.
Ein halbwegs zuverlässiger Feuchtemesser ist für rund 20 € in der Bucht zu bekommen.

Das klassische Totholz würde ich auch ganz klassisch mit Bleiweiß zwischen den Holzlagen konservieren.
Habe bei meinem Schiff zwischen sehr viel Rott und rostigem Stahl zwei Hebeaugen aus Stahl gefunden, die mit ordentlich Bleiweiß auf Eiche in der Bilge montiert waren. Und damit die meiste Zeit im Wasser standen.
Die Gewinde von Bolzen und Hebeaugen sind wie neu.
Mir hat sich noch nicht erschlossen warum die Bolzen in der Kielsohle und im Totholz allerdings alle dünn gerostet waren, wo an die Bolzen weniger Luft rankommt als in der Bilge.
Rost ist ja eine Folge von Feuchtigkeit und Sauerstoff, im Fall der Bolzen im Holz kommt noch die Gerbsäure dazu, die offenbar wesentlich mehr anrichtet auch ohne viel Sauerstoff.

Ich würde auch Bolzen galvanisch / elektrisch vom Holz trennen und die Bolzen, egal ob Bronze, verzinkt oder Edelstahl, mit Epoxi einstreichen.
Epoxi ist elektrisch neutral und das Holz kann so immer noch Wasser aufnehmen.
Bolzenlöcher im Ballast kann man meiner Meinung nach auch besser mit Epoxi schließen als mit dem althergebrachten Beton.
Es klebt besser und ist elastischer als Beton, besonders das Harz von SP Spabond 125.
SP ist nicht günstig, hat aber einige gute Harze für solche Spezialfälle.

Kommt keine Gerbsäure an die Bolzen, kann der Rost dem Holz auch nicht schaden.

Weil ich mir eben die Zeichnung vom Juniorfolke angesehen habe nochmal zur Begriffsklärung:
Ein Totholz ist strukturell für das Boot ohne Bedeutung, es dichtet das Boot nicht ab.
Das Totholz kann zwischen Kielsohle und Ballast als Abstandshalter liegen oder achterlich vom Ballast als Aufnahme für den unteren Ruderbeschlag. Wie in der angehängten Zeichnung rot umrandet.
Was ich in der angehängten Zeichnung grün markiert hab, kenne ich als Kielsohle, der Sprachgebrauch ist da durchaus unterschiedlich. Klar ist aber nach meinem Kenntnisstand, dass das Totholz wie gesagt keine weitere Aufgabe hat außer als Füllstück zu dienen. Darum ja der Name.

Das Juniorfolke hat nach der ebenfalls angehängten Zeichnung kein Totholz, sondern nur eine Kielsohle über dem Ballast.
Die Kielsohle wiederum kann nicht getrennt vom Boot betrachtet werden, da sie fest mit dem Boot verbaut ist und es abdichtet.
Um die Kielsohle mit Epoxi zu konservieren, muss der Rumpf quasi in den Neuzustand versetzt werden und selbst dann ist eine Epoxibeschichtung auf einem Klinkerrumpf heikel. Siehe auch die Diskussion zur Snipa, die gerade läuft.

Gruß,
André

Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: Michael@Woodenboat (IP bekannt)
Datum: 22.09.17 08:42

Hallo André,

Nochmals ganz herzlichen Dank, das sind super Tipps.

Sonntag bin ich wieder zu Hause, dann hänge ich mal ein Foto von dem Kiel an, den ich letzten Winter schon einmal von Farbe befreit habe.

Beste Grüße
Michael

Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: André bauer (IP bekannt)
Datum: 22.09.17 14:35

Hab natürlich die Zeichnungen vergessen...

Anhänge: tmp_8684-Screenshot_2017-09-22-00-51-03_11783451295.jpg (329kB)   tmp_8684-Screenshot_2017-09-22-00-49-15-1175550286.jpg (423kB)  
Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: Michael@Woodenboat (IP bekannt)
Datum: 25.09.17 22:03

Hallo André,

anbei Fotos von meinem Folke Junior.

Ich würde gerne nochmals auf die Begriffsklärung zurückkommen - mein Verständnis ist wie folgt:

Auf dem Bild innen sieht man die Kielsohle und zwei der Bodenwrangen.

Auf dem Bild mit den Markierungen den Eisenkiel (grün), das Totholz (blau), eine der Aufnahmen für die Kielbolzen (rot) und wieder den Bereich der Kielsohle in Orange.

Korrekt?

Auf dem Bild mit den Markierungen sieht man den Zustand im letzten Winter - ich hatte Mengen von SIKA aus den großen Lücken des Totholz' gekratzt. Zu Übungszwecken habe ich eine Lücke aufgelattet und dann die restlichen Lücken wieder mit SIKA zugemacht. Diesen Winter will ich Kielbolzen und Totholz ersetzen.

Beste Grüße
Michael

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Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: André bauer (IP bekannt)
Datum: 26.09.17 12:11

Hallo Michael,

ja, das ist dann korrekt. Es scheint als gibt es dann mehr als eine Kielvariante vom Juniorfolke...

Habe mich nochmal mit meinem Bootsbauer zufällig darüber unterhalten, dabei kam ein Argument gegen die Kapselung mit Epoxi heraus:
Speziell bei so einem hohen Totholz wie Deinem muss es ziemlich hohe Kräfte aufnehmen, die aus dem aufrichtenden Moment des Ballasts kommen.
Dabei kommen nicht nur Biegekräfte zustande, sondern auch Torsionskräfte durch das Ruder und den vor dem Totholz liegenden Ballast.
Um zu verhindern, dass die Glas-Epoxibeschichtung wieder aufbricht und Dir das Totholz dann schnell wegfault, müsste die Beschichtung mit viel Glas ausgeführt werden und das Glas möglichst ohne großen Harzanteil verarbeitet werden.
Ein hoher Harzanteil schwächt das Laminat wenn mehr als eine Lage Glas verarbeitet wird, was sicher notwendig wäre.
Das Totholz wäre dann mehr ein Kunststoffteil als Holz. Zusätzlich muss das Holz untereinander natürlich miteinander verleimt werden.

Abgesehen von dem erheblichen Mehraufwand ist der Erfolg und Nutzen damit doch zweifelhaft.

Ich würde eher frisches Holz nehmen und es mit Öl tränken.
Das Öl verdrängt das Wasser und dringt tiefer ein, als bei trockenem Holz. Begünstigt wird das, wenn das Holz mit dem Hirnholz in Öl gestellt wird und die andere Seite ablüften kann.
Das Öl muss langsam trocknend sein damit es nicht schneller trocknet als es einziehen kann.
Leinöl trocknet am langsamsten (2 Wochen), Owatrol nur 1-2 Tage. Je kühler und feuchter desto besser, das verlangsamt den Prozess.
Wenn Du Dich nicht scheust mit Bleiweiß zu arbeiten, ist dass die beste Konservierung zwischen den Hölzern.

Die Bolzen sollten entweder bei Bleiballast aus Bronze oder bei Gusseisen Stahl feuerverzinkt sein.
Verzinkte würde ich mit Epoxi streichen, das trennt Holz und Stahl elektrisch.

Gruß,
André

Re: Was ist genau das Problem mit kammergetrockneten Holz?
geschrieben von: Michael@Woodenboat (IP bekannt)
Datum: 26.09.17 20:28

Hallo André,

vielen Dank, dann mach ich das so.

Melde mich gerne, wenn es weitergeht.

Viele Grüße Michael



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