Die treibende Kraft

Erdmann Braschos in der "Yacht", Juni 2007

Träumer und Macher, Eigenbrötler und Teamplayer, Bastler und Segelverrückte - die Klassikerszene ist bunt. Wilfried Horns hält sie zusammen. Er motiviert, fördert, bewegt.

Wie viele Schiffer, speziell aus dem Norden, ist er am ehesten auf seinem Terrain zugänglich, der Welt des Segelns. Wilfried Horns ist gebürtiger Flensburger, gelernter Tischler und passionierter Skipper. Das sind drei ungünstige Voraussetzungen für ein flüssiges Gespräch mit dem Nestor und Impressario der deutschsprachigen Klassikerszene. Doch wenn es um traditionsreiche Segelboote geht, um laufende Projekte und neue Ideen des Freundeskreises Klassische Yachten oder um seine schmucke 7-KR-Yacht „Piraya", dann teilt Horns sich doch gern mit.

An Bord wie an Land, sommers wie winters wahlweise in T-Shirt und Jacke oder in einen universell getragenen Pullover gewandet, den markanten Schädel von einer Korona weißgrauer Haare umgeben, die in sämtliche Himmelsrichtungen zeigen, hört er gründlich zu. Seine stets in Betrieb befindliche Pfeife gibt kleine Rauchzeichen. Längere Abstände zwischen den Rauchzeichen kündigen an, dass es heftig in ihm arbeitet und Horns gleich etwas sagen wird. Wenn er sich dann äußert, kommt er mit wenigen, überlegten Worten aus.

Wer den Mann eine Weile kennt und mit ihm geredet hat, erfährt zum Beispiel, dass er als Eigner des knapp elf Meter langen Fahrtenboots nach langer Beschäftigung mit dem betagten Benziner unter dem Bodenbrett den Motor kurz und schmerzlos aus dem Schiff hob, ihn zum Sperrmüll brachte und seitdem richtig und wie früher unterwegs ist. „Ich war es einfach leid, da stundenlang über dem Motorschacht zu hängen und nicht zu kapieren, warum er mal anspringt und dann wieder nicht."

Horns erzählt es so, als hätte er einen lang ertragenen, lästigen Besuch vor die Tür gesetzt. Mittlerweile ist Horns die fünfte Saison ohne Maschine unterwegs. Im Mai vor zwei Jahren segelte er anlässlich der Max-Oertz-Regatta von Kiel nach Neustadt, hing zwölf Stunden in einer Flaute und kam erst im letzten Büchsenlicht an. Er und seine Lebensgefährtin Hella Peperkorn, Leiterin einer Kinderschauspielschule, machten das Beste daraus und warteten einfach ab, bis sich ihr Freund, der Wind, zurückmeldete.

Da auch gute Freunde manchmal unzuverlässig sind, plant Horns die Segelwochenenden mit Blick auf den Montag sehr genau. „Ich gucke mir die Wetterprognose im Internet an und mache solche Schläge, dass wir Sonntag zurückkommen." Eine weitere Herausforderung besteht darin, einen Langkieler in engen Häfen unter Segeln an den Liegeplatz zu bringen. „Es ist interessant, wie langsam Sie segeln können, wenn Sie richtig hoch an den Wind gehen. Das musste ich auch erst mal üben", sagt Horns mit sympathischer Bescheidenheit.

Zum Classic Yacht Event im Sommer 2005 hat das Seglerpaar Horns/Peperkorn die „Piraya" natürlich ohne den lärmenden und stinkenden Gesellen unterm Bodenbrett von Kiel nach Stockholm und zurück manövriert. „Es ist herrlich, wie früher zu segeln", schwärmt Horns. „Du bist aufmerksamer, beschäftigst dich gründlicher mit dem Wetter und weißt den Wind mehr zu schätzen." Er erzählt von der Schwedentour durch steinige und enge Fahrwasser so beiläufig, als hätte er nachmittags mal bei passendem Wind eine Runde zum Stollergrund und zurück in die Förde gedreht.

Schweden. Ostküste

Bei aller Sprödigkeit ist der 57-Jährige eine angenehm uneitle Ausnahmeerscheinung in der Segel- und speziell in der Klassikerszene. Dort, wo es manchen PR-Strategen, Berater und Makler gibt, wo es um Eitelkeiten, Euros und den Logenplatz für das eigene Schiff geht. Oliver Berking - er initiierte 1995 die Robbe & Berking Classics und ist neuerdings Erster Vorsitzender des Freundeskreises Klassische Yachten e.V. - kennt Horns seit zwölf Jahren: „Was ich besonders an ihm mag, ist die Tatsache, dass ihm jede Art der Selbstdarstellung zuwider ist. Damit ist er vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne ein Frontmann. Aber gerade das qualifiziert ihn, eben doch genau dieses für den Freundeskreis zu sein. Es geht ihm nämlich ausschließlich um die Sache."

Natürlich betritt Horns in seiner Eigenschaft als Freundeskreis-Häuptling auch hin und wieder das Podium der Klassikerszene. Etwa, wenn er die eine oder andere sommerliche Veranstaltung eröffnet oder mit wenigen klaren Sätzen durch das alljährliche Wintertreffen führt. Da legt Horns dann die Pfeife beiseite, steht im Pulli vor dem brechend vollen Hörsaal eines Hamburger Museums und moderiert mit der Gelassenheit und Übersicht eines Leuchtturmwärters eine Veranstaltung, die - passend zum Freundeskreis und typisch Horns - unter beiläufig bescheidenem Titel antritt und oft hochkarätige Vorträge oder Einladungen zum Segeln bietet.

Die Klassikerszene ist facettenreich. Hier tummeln sich die Fans grob getischlerter Arbeitsboote im Finkenwerder Fischerhemd, Jollensegler, Studenten und sogar solche, deren seglerische Mittel begrenzt sind. Vom unzugänglich feinen Pinkel bis zum maritimen Lebenskünstler, vom Blazer- bis Pulliträger, von bräsig bis nett, vom Hoch- bis Tiefstapler ist alles dabei. Doch mögen Charaktere und Temperamente noch so verschieden sein, die Freundeskreisler haben alle den gleichen Knall. Dass sie nicht bloß zusammengefunden haben, sondern, was schwieriger ist, zusammenbleiben, liegt maßgeblich an ihrem integren Strippenzieher.

Mit „dem Kulturgut klassische Yacht", wie Horns es in aller Gelassenheit und Klarheit nennt, hat er für sich das Thema seines Lebens gefunden. Der langjährige Holzbootsegler, Nautiquitäten- und Büchersammler Volker Christmann aus Wiesbaden, er berät den Freundeskreis und Homs in Literaturfragen, schätzt den Mann als „Visionär mit Bedacht und starkem Durchsetzungsvermögen". Christmann: „Wenn Wilfried Horns etwas will, dann macht er es."

Für ausländische Beobachter ist der Freundeskreis längst ein Phänomen. Wie ausgerechnet Deutsche, die anderswo als überorganisiert, zu Formalien und Vereinsklüngel neigend gesehen werden, eine derart entspannte, zugleich dezentral effiziente Interessenvertretung auf die Beine bekommen, ist vielen Kennern der Szene ein Rätsel. Dabei ist der Freundeskreis am Beispiel seines stillen Anführers recht einfach zu verstehen: Horns interessiert sich bloß fürs Segeln alter Schiffe, die Kultur und Dokumentation klassischen Yachtsports - wie gesagt eher im groben Pulli als im blauen Blazer. Im Pulli kann man auch mal eben das Boot auspumpen.

Im Februar 1994 war es, da versammelten sich Horns und 40 andere von alten Schiffen Begeisterte und gründeten mit einer 50-Mark-Spende eine „Initiative von Schwärmern, die sich aus Lebensfreude, Leidenschaft, Weltanschauung um den Erhalt klassischer Yachten bemühen". Kurz, jenen Verein, den es formal, um den Vorschriften zu genügen, natürlich gibt, der aber als solcher erfreulich wenig stattfindet.

Natürlich ist der Tischler und "Piraya"-Eigner auf die möglichst authentische Klassikerinstandsetzung abonniert. Doch verbohrt, wie der eine oder andere Holzwurm der Szene, ist er nicht. Er wirbt für seine Vorstellung, er motiviert - und lässt dennoch das andere gelten. Als Segler, Handwerker und toleranter Mensch kennt er die Grenzen des Machbaren. Dank dieses Geistes wurden aus den 50 Gründungsmitgliedern mittlerweile rund 1200 Freundeskreisler. Horns' Energie, mit der er die Bewegung in Form ständig neuer Vorhaben lebendig hält, hat dabei eher zu- als abgenommen. Berking beispielsweise sagt anerkennend: „Ich bin immer wieder verblüfft, was für Ideen Horns hat."

Welche Schätze es hierzulande zu heben gab und gibt, welche Vielfalt zu dokumentieren, ist seit einigen Jahren einem größeren Publikum auf der Homepage des Freundeskreises Klassische Yachten (www.fky.org) zugänglich. Und speziell im digitalisierten Yachtsportarchiv (www.yachtsportarchiv.de) via Internet auch zu sehen. Darin sind im Wesentlichen die Ausgaben der YACHT von 1904 an eingescannt. Eine weltweit einzigartige Suchmaschine für Holzbootliebhaber und Klassikerfans mit täglich 500 Zugriffen. Das ist maßgeblich Horns' Initiative und Überredungskünsten, seiner beharrlichen Suche nach Partnern zu verdanken.

Seit Jahren redet er mit finanzstarken Eignern, manchem Protagonisten des Wirtschaftslebens, Museumsdirektoren, Verlagsleitern oder auch mit Berthold Beitz von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung. Beharrlich zieht Horns an allen möglichen Strippen für die Bewahrung, Dokumentation und Wertschätzung klassischen Yachtsports. Schon manchen, der angab, eigentlich gar keine Zeit zu haben, hat der Motivationskünstler dafür gewonnen, sich mit seinen Möglichkeiten und Kontakten einzusetzen.

Wie ihm das gelingt? Ganz einfach, er lebt dieses Programm seit über einem Jahrzehnt und verfolgt seine Vorhaben mit der Cleverness und Konsequenz eines Regattaseglers auf der entscheidenden Kreuz. Die neue Freundeskreis-Aktion „Rettet die Klassiker" etwa spürt sanierungsbedürftige Holzboote auf, dokumentiert ihren Standort, sucht und findet Interessenten für die Problemfälle und trägt so dazu bei, dass sie wieder gesegelt werden. Und der neue, von der Versicherung Wehring & Wolfes unterstützte Restaurierungsfonds bietet Bootseignern eine Begutachtung. Anleitung und Betreuung der Instandsetzung. Vorbilder sind ähnliche Stiftungen in den USA, England, Holland, Dänemark oder Schweden. Horns und die Aktiven des Freundeskreises nutzen die internationalen Kontakte eben nicht bloß zum Segeln, Würstchengrillen, Biertrinken oder Erzählen von Döntjes.


Markenzeichen. Die Pfeife im Mundwinkel, das grauweiße Haar vom Wind zerzaust. Auf seinem Boot fühlt Horns sich am wohlsten.

Derzeit beschäftigt sich Wilfried Horns mit dem Ausbau und der Überarbeitung des Yachtsportarchivs. „Das Angebot könnte noch attraktiver daherkommen und die Navigation in der Website einfacher werden", sagt er. Im Herbst wird er sich nochmals um die Europäisierung des weltweit einmaligen Angebots bemühen. Finnland, Schweden, Norwegen und Holland haben bereits Unterstützung zugesagt. Die zum zweiten Mai in unseren Gewässern gesegelte Classic Week hat er für 2010 natürlich ebenfalls längst in der Pipeline. Das alles bahnt er nebenher an, zusätzlich zum Privatleben und dem Betrieb zweier Schiffe. Seine Lebensgefährtin machte neulich eine historische 5-mR-Yacht flott.

Im Unterschied zu manchem Küstenbewohner ist ihm das Metier übrigens nicht in die Wiege gelegt. Horns wuchs in einer Flensburger Lehrerfamilie auf, wo es eher um Latein und Griechisch ging als ums Segeln. Irgendwann ergab sich dann für den Jugendlichen mal eine Mitsegelgelegenheit im Flensburger Segel-Club. „Da wurdest du als junger Vorschoter wie ein Hiwi behandelt, musstest dauernd irgendwelche Honoratioren und Heinis da grüßen, Flaggen dippen. Nö, das war's nicht", erinnert sich Horns an den abtörnenden Probeschlag in die Welt des Herrensegelns.
Als Jungspund legte er sich lieber in die Riemen, tobte sich im Einer, Zweier oder Achter auf der Flensburger Förde aus, wo es mehr um Sport als um Status und mit Gleichaltrigen ins Geschirr ging. Zum Segeln gelangte er erst wieder Ende der Siebziger in Kiel. Da fuhr er mit einer kolossalen 22-Meter-Gaffelketsch allerhand Eiche spazieren und ertischlerte sich einen Anteil an der "Rhea", ehemals "Juliane von Holdt",
die 1900 in Nyborg als Arbeitsboot vom Stapel gelaufen war.
In der Zwischenzeit hatte er nämlich das Tischlerhandwerk ergriffen, statt, wie in Kiel studiert, Biologie und Geografìe zu unterrichten. Damit war er dem damals absehbaren Thema seines Lebens beruflich um Welten näher als zwischen Pult und Tafel. Einige Sommer genoss Horns das amphibische Leben zwischen Kiel und der Dänischen Südsee. Als die „Rhea" für einträgliche Charterfahrten ans Mittelmeer verlegt wurde, stieg er aus. „Ich mochte nicht tausend Kilometer weit zum Segeln fliegen, wenn ich zu Fuß an die Förde gehen kann."

1984 kaufte er dann „Piraya", eine 7-KR-Yacht mit seegängig weichen Linien und gestrecktem Aufbau über einem spannungsreichen Deckssprung. Mit 10,20 mal 2,60 Metern und 47 Quadratmetern am Wind zählt sie nicht zu den spektakulär großen Schiffen der Förde. Dafür repräsentiert sie einen berühmten Bootstyp. „Piraya" ist ein slupgetakelter Xachbau der legendären „Störtebeker III", mit der Ludwig Schlimbach in den dreißiger Jahren einhand in 59 Tagen von Lissabon nach New York gesegelt war. Für manchen gestandenen Segler ein Traumschiff, nicht zuletzt, weil es aus gutem Stall kommt, gezeichnet von Henry Rasmussen und gebaut bei A&R.
Als inzwischen dritter „Piraya"-Eigner macht Horns kein großes Tamtam um sein Schiff. Er pflegt es, segelt - er mag es einfach. Deshalb hat er gleich nach der Übernahme die Reling samt Heckkorb und Sitzbank entfernt. Eine Reling ist eigentlich ganz praktisch, doch scheuern die Vorsegel an Draht und Stützen. Außerdem ist „Piraya" ohne Seezaun übersichtlicher und so wie einst in Lemwerder an den benachbarten Club ausgeliefert.
Mit Sprucemast, leinenbezogen und weiß gemaltem Kajütdach, den ovalen und runden Bullaugen, verzinkten Beschlägen und der in Pfeil und Ähre auslaufenden A&R-Göhl auf der weißen Bordwand sieht das Schiff im fünften Jahrzehnt aus, als sei es neulich erst aus der Halle geschoben worden.


Eignerglück. Horns mit Lebensgefährtin Hella Peperkorn (an der Pinne) und Freunden an Bord seiner 7-KR-Yacht „Piraya“

Wer wenig schnackt, kriegt was gebacken. Horns ist während der hektischen Märzwochen, wenn es zur Bootspflege genug Licht und mit etwas Glück erstmals die wünschenswerte Trockenheit im Winterlager gibt, kaum ansprechbar. Der Freundeskreis-Vormann ist auf dem Rückweg von einem anderen Termin zum Interview ins Hamburger Univiertel gekommen. Horns ist beinahe ein wenig gesprächig geworden. Dann aber steckt er sich noch mal eine Pfeife an, schweigt und gibt abnehmend Rauchzeichen.
Nun hat der Häuptling genug von sich preisgegeben, mehr als sich für einen gebürtigen Flensburger, gelernten Tischler und echten Segler gehört.


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