CHARTA FÜR KLASSISCHE YACHTEN


Von einem Freundeskreis kann man erwarten, dass er beim Nachdenken über den Umgang mit klassischen Yachten hilft, mit Leitlinien, mit einer "Charta für klassische Yachten"

Erste Stellungnahmen unterstützen durchweg die Ziele der Charta, angemerkt wird ein paar Mal, dass der Fokus der Charta auf die ersten GfK-Yachten erweitert werden sollte. Oder dass vorgeschlagen wird, Ausführungen zur klassischen Seemannschaft näher zu erleutern. Mehr zu bisherigen Stellungnahmen in der nächsten "Klassiker"-Ausgabe!

Melden auch Sie sich zu Wort! Senden Sie Ihr Statement an info@fky.org

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Wozu eine Charta für klassische Yachten?

Die Charta für klassische Yachten kann und will kein Gesetz sein. Sie lässt bewusst Raum für Interpretationen, will jedoch richtungsweisende Empfehlungen geben, die jedem Einzelnen beim Nachdenken über den Umgang mit klassischen Yachten helfen. Leitlinien eben. In der Art und Weise der Interpretationen wird sich die Vielfalt unterschiedlicher Haltungen und Positionen spiegeln - die Charta bietet damit vor allem Stoff für fruchtbare Diskussionen.

Sie greift zurück auf Begriffe aus der Baudenkmalpflege und orientiert sich teilweise an deren Herangehensweise, versucht gleichzeitig aber auch, der Andersartigkeit von intensiv genutzten Yachten Rechnung zu tragen. Niemand hat Interesse an einer Musealisierung von historischen Yachten, die Charta verbietet vor lauter Ehrfurcht vor dem kulturhistorischen Wert nicht das Segeln, ganz im Gegenteil! Sie erklärt ausdrücklich, dass unsere Klassiker allein durch die Freude ihrer Eigner am Segeln am Leben zu halten sind und nur dann die Geschichte des Segelns erzählen können, wenn sie in Wind und Welle unterwegs sind.

Eine Charta bietet - Beispiel Schweden - mit ihren Qualitätsstandards durchaus auch Referenzpositionen für Politiker, für staatliche Institutionen. Diese werden künftig immer weniger daran vorbeikommen, auch klassische Yachten als Kulturgut zu verstehen. Die hier formulierten Standards können zudem ihre Bedeutung für Gutachter, Versicherungen usw. gewinnen, wenn es um Bewertungen historischer Materialien geht.
Wirkung kann die Charta aber letztlich nur entfalten, wenn sie Akzeptanz bei den Yachteignern findet.

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Charta für klassische Yachten
25.2.2016

Präambel

Die „Charta für klassische Yachten“ soll die kulturhistorische wie gesellschaftliche Bedeutung des Segelsports und damit der klassischen Yachten unterstreichen, behandelt Fragen der historischen Authentizität und soll als grundlegende Leitlinie für Besitzer von klassischen Yachten der unterschiedlichsten Typen dienen. Die Charta plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Klassikern und gibt Orientierung hinsichtlich Nutzung, Unterhalt, Reparatur und Restaurierung.

1 - Inhalte

Ziel dieser Charta ist, dass klassische Yachten einerseits als Zeitzeugnisse verstanden und behandelt, gleichzeitig aber auch als aktiv gesegelte Boote in Fahrt gehalten werden. Sie sollen Zeugnis ablegen von der Handwerkskunst des Herstellungs- und Instandhaltungsprozesses und zugleich dazu dienen, Kunstfertigkeiten wie das Segeln auf einem Klassiker, traditionelle Seemannschaft und andere seemännische Fertigkeiten zu pflegen, getragen vom Respekt gegenüber Umwelt und See.
Die Charta bezieht sich auf große wie auf kleinere Schwert- und Kielboote sowie Motoryachten, auf Einzel- wie Serienkonstruktionen vom segelnden Beiboot bis zur Schoneryacht. Darunter fallen

- die wenigen Yachten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die uns noch erhalten geblieben sind,
- die schon zahlreicheren Boote aus der Zeit zwischen den Weltkriegen, die 70 Jahre und mehr auf dem Buckel haben und Krieg, Beschlagnahme, Wind und Wetter getrotzt haben, und
- schließlich die ersten Nachkriegsbauten bis Mitte der 70er Jahre - in Riss, Baumaterial (meistens Holz, gelegentlich Stahl, Alu) und Bauweise noch mit der alten Tradition verknüpft,

- Repliken, im Einzelfall auch Nachbauten historischer Entwürfe in klassischer Bauweise.
Es ist nicht nur der Respekt vor dem Alter, der ein altes Boot zur klassischen Yacht macht. Auch die Qualität von Design/Konstruktion und Verarbeitung, die an ihrem Inneren und Äußeren ablesbare und dokumentierte Geschichte machen den Geist einer klassischen Yacht aus und begründen ihre Erhaltungswürdigkeit.

2 - Bewahrung

Erhaltung, Konservierung, Rekonstruktion und alle verwandten Arbeitsprozesse (oft pauschal als „Restaurierung“ bezeichnet) zielen ab auf die Bewahrung der klassischen Yachten als technische Artefakte ihrer Zeit wie auch als Zeugen der Segelsportgeschichte und maritimen Kultur. Es ist unerlässlich, das dabei verwendete Fachwissen sowie die entsprechenden Materialkenntnisse und Handwerksfertigkeiten an spätere Generationen weiterzugeben.
Die aktive Nutzung dieser Yachten ist wichtig zum Verständnis ihrer Funktionalität und zugleich das wichtigste Instrument zur Weitergabe der Kenntnisse über Betrieb und Unterhalt an spätere Generationen.
Im Zusammenhang mit ihrer aktuellen Nutzung sollten klassische Yachten nicht weiter als unbedingt nötig verändert werden. Nutzungsbedingte Modifikationen sollten die historische Substanz nicht beeinträchtigen, sie sollten zeitgenössische Details nicht verdrängen und das historische Erscheinungsbild nicht oder möglichst wenig verändern.
Dieses in sich konsequente Ansinnen wird in der Praxis öfters relativiert. - Vorschriften einiger Klassenvereinigungen unterstützen die „Modernisierung“/Aufrüstung auch alten
Bootsbestandes, was schon häufig zur Beeinträchtigung historischer Substanz geführt hat. Sollen die
alten Rennyachten ohne Modernisierungsdruck Rennen segeln können, ist die Anwendung von - angepassten Handicapsystemen sinnvoll.
Änderungen zur Verbesserung der Segelleistung sind verständlich, sie können aber auch reversibel - stattfinden.
Modifikationen, um den Kosten- und Pflegeaufwand zu reduzieren, sind vom Eigner individuell - - aber mit der nötigen historischen Sensibilität! - zu bewerten.
Dem Alter der Eigner geschuldete Änderungen können in der Regel ebenfalls reversibel installiert werden.

3 - Definitionen üblicher Eingriffe

Die Bewahrung klassischer Yachten kann Eingriffe in unterschiedlichem Umfang notwendig machen:
Konservierung beschreibt alle Maßnahmen, die die den Erhaltungszustand der Yacht sichern und seiner Stabilisierung dienen, ohne die Grundsubstanz zu verändern oder ihren historischen oder materiellen Zeugniswert in irgendeiner Weise zu beschädigen. Es wird damit ausschließlich dem Verfall vorgebeugt oder dieser zumindest verzögert. Solche Maßnahmen sind häufig äußerlich nicht sichtbar.
Restaurierung beschreibt alle Maßnahmen, die über eine reine Konservierung hinausgehen, hier geht es um die behutsame Wiederherstellung eines früheren (und besseren) Zustands, nicht aber um den Austausch von Substanz in größerem Umfange. Restauriert werden kann nur, was noch da ist, die Grenzen zur fachgerechten Reparatur und Rekonstruktion sind im Bootsbau oft fließend.
Rekonstruktion bedeutet den Ersatz von vorhandenen, gewesenen oder abgängigen Bauteilen. Sie hat zum Ziel, die volle Funktionsfähigkeit des Objekts bzw. sein ursprüngliches Erscheinungsbild wieder herzustellen. Bei einer Rekonstruktion wird der Anspruch einer originalgetreuen, form- und materialgerechten Wiederherstellung verfolgt. Ungesicherte Rekonstruktionen, also solche ohne genaue Vorlagen, sind zurecht umstritten. Bei allem Streben nach Originalität sollte eine Rekonstruktion trotzdem immer als Rekonstruktion erkennbar sein, zumindest auf den zweiten Blick.

Im Rahmen eines großen Instandsetzungsprojekts finden fast immer Maßnahmen aus allen hier beschriebenen Kategorien statt. Wenn dabei die Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbildes unter fachgerechter Verwendung ursprünglicher Baustoffe verfolgt wird, hat sich der Oberbegriff „Restaurierung“ eingebürgert, selbst dann, wenn bei genauerer Hinsicht Materialaustausch (also Reparaturen) und Rekonstruktionen überwiegen. Konservierung, Restaurierung und Rekonstruktion sind spezialisierte Prozesse. Ihr Ziel sollte es sein, den ästhetischen, funktionalen, technischen, sozialen und historischen Wert einer klassischen Yacht zu erhalten und sichtbar zu machen. Die verschiedenen Prozesse einer Restaurierung sollten immer dem zeitgeschichtlichen Kontext, der ursprünglichen Zweckbestimmung und dem geschichtlichen Erscheinungsbild des jeweiligen Fahrzeugs Rechnung tragen. Alle Maßnahmen sollten sich an den überlieferten Dokumenten und an der konkreten Beschaffenheit der jeweiligen Yacht orientieren. Es ist eine Frage der Kultur, wie Yachten restauriert werden!

4 - Materialgerechtes Arbeiten

Bei der Bewahrung klassischer Yachten sollten bevorzugt die historischen Materialien und Arbeitstechniken benutzt werden, es sei denn, diese können aus Gründen der Sicherheit, der Gesetzgebung oder der Verfügbarkeit nicht länger verwendet werden. Traditionelle Materialien oder Verarbeitungsmethoden gelten heute nicht selten als gesundheits- oder umweltschädlich (z.B. Teer, Mennige, Bleiweiß). Es müssen dann moderne Ersatzmaterialien und Techniken herangezogen werden, deren Eignung und langfristige Beständigkeit wissenschaftlich nachgewiesen oder durch praktische Erfahrung erprobt sind.

5 - Was ist „original“?

Viele historische Fahrzeuge sind im Lauf der Jahrzehnte nachträglichen Umbauten oder Umgestaltungen unterzogen worden und tragen deren Spuren als Zeugnis ihrer Nutzungsgeschichte (die glücklichen Eigner von niemals veränderten Yachten und Booten können diesen Absatz gern überschlagen). Die Restaurierung eines historischen Objektes muss nicht zwangsläufig zum Ziel haben, sein Aussehen und seine technischen Merkmale auf den bauzeitlichen Erstzustand zurückzuführen. Welches ist das geschichtliche Erscheinungsbild einer Rennyacht, die nur wenige Jahre als Rennkutter fuhr und anschließend jahrzehntelang als Stagsegelketsch? Jeder Lebensabschnitt einer alten Yacht kann es Wert sein, mit seinen nutzungsbedingten oder vom jeweiligen Zeitgeschmack diktierten Veränderungen dokumentiert zu werden, hier hat der Eigner Spielraum für vielerlei Entscheidungen. Weil eigentlich mit jedem Umbau eines funktional intakten Schiffes auch geschichtliche Substanz verloren geht, wollen alle Schritte wohl überlegt sein. Mit entscheidend ist sicherlich, aus welcher Nutzungsperiode die meiste Substanz übrig geblieben ist und welche Periode am besten dokumentiert ist. Man sollte sich dann auf ein genau umschriebenes Restaurierungsziel festlegen, was unbedingt vermieden werden sollte, ist ein beliebiger Mischmasch aus allen Zeitabschnitten mit dem Resultat eines unhistorischen Erscheinungsbildes. Zur sorgfältigen Planung gehört auch eine ordentliche Dokumentation. Und wer dafür Platz hat und es sich leisten kann, sollte ausgebaute historische Teile lieber aufbewahren – wer weiß, was die nächste Generation wertschätzt!

6 - Spuren der Geschichte

Jedes alte Boot – jedes geschichtliche Objekt schlechthin sollte seine Nutzungsspuren, die Spuren seiner Geschichte an sich tragen, nicht anders als ein alternder Mensch. Ein angeblich uraltes Boot, das makellos daher kommt, wirkt unglaubwürdig. Dies soll kein Plädoyer für Altersverwahrlosung sein – schwarz verfärbte Proppen in der Außenhaut sollte man keineswegs mit Verklärung, sondern mit Argwohn bekämpfen. Aber die Rillen vom Scheuern der Schoten in den hölzernen Klampen oder Blockbacken, der abgewetzte Chrom in den Lippen, hier und da ein Flicken auf dem strapazierten Segel erzählen mehr Geschichten als jedes makellose Boot.

7 - Klassik und Elektronik

Alle vorgeschriebenen oder als notwendig erachteten Veränderungen der Navigations- und Sicherheits- Ausrüstung sollen sich unauffällig in das geschichtliche Erscheinungsbild einfügen, sich dabei aber zurücknehmen, damit der Wert des Bootes als kulturgeschichtliches Zeugnis dadurch nicht leidet. Solche Einbauten sollten stets reversibel ausgeführt werden, d.h. rückbaubar bis auf ein paar Schraubenlöcher. Alle wesentlichen Originalteile, die entfernt wurden, sollten für eine mögliche zukünftige Wiederverwendung und als Referenz für die ursprüngliche Ausrüstung aufbewahrt werden. Der Einbau von moderner Elektronik ist mit einigem Einfallsreichtum mit einem Minimum an äußerlich sichtbaren Veränderungen machbar, die Miniaturisierung der Elektronik kommt uns hierbei entgegen.

8 - Handeln dokumentieren

Alle Arbeiten an einer klassischen Yacht sollten ordentlich geplant sowie nachvollziehbar und angemessen dokumentiert werden, mit Zeichnungen und/oder Fotographien oder anderen Medien. Diese Dokumentation ist notwendig, um die langfristige Qualität eines Schiffes als historisches Artefakt zu sichern, denn sonst wird es nicht möglich sein, in künftigen Zeiten zu entscheiden, welche Teile oder Funktionen noch original sind oder später hinzugefügt. Die entsprechenden Aufzeichnungen, auch die ausgebauten und nicht mehr verwendeten Komponenten sind ebenso zu erhalten wie ausgetauschte Werkstoffe in exemplarischer Menge und sollten mit der Yacht aufbewahrt werden - – wer weiß, welche Fragen später gestellt werden und was die nächste Generation wertschätzt!

9 - Aufgaben des FKY

Die Förderung des Verständnisses für klassische Yachten und ihres Werts in der Öffentlichkeit ist Aufgabe des FKY als kulturerhaltender Institution. Zur Sicherung und Weitergabe des nötigen Wissens um deren Erhaltung und Betrieb kooperiert der FKY mit ähnlich ausgerichteten Experten und Einrichtungen. Der FKY setzt sich zudem für die Bewahrung von Sammlungen und Archivierung von Schriftgut, Plänen und anderen Artefakten, die im Zusammenhang mit historischen Yachten stehen, in seinem „Zentrum klassischer Yachtsport“ ein.

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Ihr Statement zur Charta!
Beteiligen auch Sie sich an der Diskussion der Charta und formulieren Sie Ihre Meinung in einer eMail an die Mail-Adresse des Freundeskreises info@fky.org! Die Fortschreibung der Charta wird auf den Webseiten des Freundeskreises laufend dokumentiert.
Für die Redaktion Wilfried Horns



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